Es gibt ein WIR und nicht nur ein ich

Samstag, den 25. August, hatte der Kodokan e.V. Norderstedt zum Landestechniklehrgang mit dem Thema „Freie Anwendungsformen“ eingeladen. Der Lehrgang wurde kombiniert mit dem Kaderlehrgang, sodass insgesamt knapp 40 Teilnehmern und die Referenten John Darboven, 3. Dan Ju-Jutsu, Christian Birmele, 2.Dan Ju-Jutsu, und Ashot Arustamjan, 1. Dan Ju-Jutsu, auf der Matte standen.

Als einleitende Worte erklärten die drei, was ihnen an diesem Tag besonders wichtig war: partnerschaftlich Zusammenarbeit sowie die Ausnutzung der Reichweite und dynamische, saubere Ausführung der Techniken. „Es gibt ein WIR und nicht nur ein ich“, sagte John Darboven. Nach einem gemeinsamen Aufwärmen, teilte sich die Gruppe auf. Ashot Arustamjan übernahm die Jüngsten für die nächsten zwei Stunden, während John Darboven und Christian Birmele sich den „Älteren“ annahmen. Einstieg in das Thema war die Anwendungsaufgabe zum 5. Kyu: Freie Auseinandersetzung mit offenen Händen. In diesem Bereich des Prüfungsprogramms soll gezeigt werden, dass die Bewegungselemente verstanden wurden und sich ein Distanzgefühl entwickelt hat. Bei vielen Prüfungen klopfen sich die Prüflinge den Gi ab, teilweise ohne sich auch nur einen Schritt zu bewegen. Dabei ist es ein Miteinander: Das heißt dem anderen wird auch mal eine Change gegeben einen Treffer zu setzen sowie saubere, lange Techniken zu demonstrieren und vor allem soll die Bewegungslehre einfließen. Das Prüfungsprogramm im Ju-Jutsu ist so aufgebaut, dass die Komplexaufgabe die Aufgabe zur freien Anwendungsform im nächst höheren Gurt ist. Das heißt auch je intensiver die Komplexaufgabe trainiert wird, umso besser ist die Vorbereitung für die Anwendungsform für die nächste Gürtelprüfung. Beispielsweise besteht die Komplexaufgabe zum Orangegurt in der Demonstration von Atemikombinationen (Fausttechniken) – zum Grüngurt ist die freie Anwendungsform die Auseinandersetzung mit Fausttechniken. In der Komplexaufgabe sollen Kombinationen gezeigt werden am passiven Partner, dies bedeutet mind. zwei Techniken hintereinander. Bei dem Lehrgang bekamen die Teilnehmer daher als Aufgabenstellung, dass sich der eine Partner passiv verhält, er durfte Passivblöcke und auch Ausweichbewegungen machen, aber keinen aktiven Widerstand leisten - der andere schlug kontrolliert Faustkombinationen an dem Partner. Es sollte immer in einem moderaten Tempo angefangen werden, die Steigerung kann erfolgen, wenn sich sicher und wohl gefühlt wird. Zwischendurch brachten Christian Birmele und John Darboven immer wieder Hinweise zur besseren Technikausführung und dem Distanzgefühl ein, denn gerade in der Komplexaufgabe kann das sehr gut geübt werden, da der Partner sich hier nur passiv verhält. Anschließend wurde die Thematik dann in den Anwendungsbereich übertragen, hier sind beide Partner gleichberechtigt und sollen ihre Faustkombinationen einbringen. Allerdings geht es nicht darum zu gewinnen, es soll sinnvoll gezeigt werden, dass auch wenn der Partner gegen einen agiert, die Distanz und Reichweite der Atemis ausgenutzt und auch vorbereitet wird. Es ist kein gerades aufeinander zu, sondern die Elemente der Bewegungslehre, wie Auslagewechsel, Schrittdrehungen oder Ausfallschritte sollen ebenfalls genutzt werden.

In der Komplexaufgabe zum 2. Kyu sind dann alle Atemitechniken gefragt. Dabei empfahl John Darboven zweier oder dreier Kombinationen sowie keine Tieftritte oder gerade Tritttechniken zum Kopf. Es ist auch sinnvoll mit den verschiedenen Distanzen zu gearbeitet: Beintechniken, wie Halbkreistritte, sind vorwiegend für weite Distanzen zu nutzen, für mittlere Distanzen sind beispielsweise Fauststöße geeignet und Nahdistanzen sind u.a. Knie- oder Ellbogentechniken. Damit kann sich an den Partner ran gearbeitet werden, umgekehrt aber auch von ihm gelöst werden. In der Anwendungsform wird dann schnell in den Modus „Ich will gewinnen“ umgeschalten, Ziel ist es aber zu demonstrieren, dass verstanden wurde neben dem Angreifen, sich auch gleichzeitig verteidigen zu können. Heißt die Bewegungsformen zu nutzen ohne Wirkungstreffer zu kassieren. Des Weiteren soll der Gedanke einfließen, die bewussten oder unbewussten, Lücken des Partners zu erkennen und zu nutzen.
Als nächstes gingen John Darboven und Christian Birmele auf den Wurfbereich ein: Hier ist es wichtig, eine Situation zu schaffen bzw. zu nutzen, um einen Wurf auszuführen. Dies kann beispielsweise durch Ziehen oder Schieben des Partners erreicht werden. In dem Part macht es ein gutes Bild, wenn die Würfe auch auf links zeigt werden können. Verschiedene Handlungskomplexe zum Thema Wurf demonstrierten die beiden bevor es zum Anwendungsbereich überging.

Der Themengebiet der Komplexaufgabe und Anwendungsform bei den Bodentechniken umfasst nicht nur Halte- und Befreiungstechniken, sondern auch Hebel- und/oder Würgetechniken. Hier wiesen die Referenten nochmal verstärkt auf das Miteinander hin und gingen auch auf das Prüfungsfach Partnerverhalten ein: Wenn der eine Partner alles blockiert und/oder abwehrt, also zu dominant ist, so dass der andere Partner keine Chance bekommt seine Techniken zu zeigen, ist das nicht das beste Partnerverhalten und wird dementsprechend benotet bzw. angemahnt.

In den nächsten Aufgabenstellungen mussten die Teilnehmer dann die einzelnen Themengebiete verknüpfen, erst als Komplexaufgabe, dann als Anwendungsform. Für die Prüfung sollte die Sequenz mehrmals gezeigt werden, damit die Prüfer die Chance bekommen alles zu sehen. Auf den letzten Landesprüfungen war immer wieder aufgefallen, dass die Prüflinge bei den freien Anwendungsformen meist unbefriedigende Leistungen ablieferten. Daher sollten die Trainer verstärkt an dieser Prüfungsaufgabe mit ihren Schützlingen arbeiten. Die Komplexaufgaben bieten dabei eine sehr schöne Möglichkeit Techniken zu üben und auszuprobieren, in einem freundlichen Miteinander.